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12. Oktober 2026 · Raffaele De Giovanni

Mit Unterstützung von Claude Claude Opus 5.5 erstellt und redaktionell geprüft.

Ein Entwickler klont Adobe mit KI. Ist Software jetzt wertlos?

Ein Entwickler hat mit KI in wenigen Tagen sieben Adobe-Programme nachgebaut. Was das über den Wert von Software sagt und warum Code allein noch kein gutes Produkt ist.

Ein Entwickler klont Adobe mit KI. Ist Software jetzt wertlos?

TL;DR: Ein einzelner Entwickler hat mit KI-Agenten in wenigen Tagen Open-Source-Nachbauten von sieben Adobe-Programmen veröffentlicht. Das zeigt, wie günstig das Schreiben von Code geworden ist. Es zeigt aber auch, dass Code noch kein Produkt ist: Kopieren ist nur deshalb so schnell, weil Adobe über 35 Jahre lang herausgefunden hat, was Profis wirklich brauchen. Gute Software braucht alles drum herum genauso wie den Code selbst: Verständnis der Nutzer, Feedback, Tests, Support und Vertrauen.

Anfang Oktober tauchte auf GitHub ein Projekt namens ArtCraft auf: freie Nachbauten von Photoshop, Illustrator, Premiere, Lightroom, After Effects, InDesign und Acrobat, geschrieben in Rust, unter Open-Source-Lizenz, lauffähig auf Mac, Windows und Linux. Dahinter steht im Kern eine Person, der Entwickler Brandon Thomas. Den Code hat er nach eigener Aussage grösstenteils von Anthropics Claude Opus schreiben lassen. Das Photoshop-Pendant PhotoCraft sammelte innert weniger Tage über 40'000 Sterne auf GitHub. Thomas fasste seine Sicht in drei Worten zusammen: «Software is over».

Die Geschichte hat schon die Runde gemacht. Interessant ist sie trotzdem, weil sie eine Frage zuspitzt, die viele Unternehmen betrifft: Wenn man Software in Tagen kopieren kann, was ist sie dann noch wert?

Was tatsächlich gebaut wurde

Die Zahlen sind beeindruckend. Laut BigGo Finance kam das Projekt in rund zehn Tagen auf über 1'100 Commits, mit 10 bis 20 KI-Agenten, die parallel arbeiteten. Das ist ein Tempo, das vor zwei Jahren ein ganzes Team nicht geschafft hätte.

Genauso wichtig ist, was die Software noch nicht kann. ArtCraft bezeichnet die Apps selbst als Alpha-Software, nur zwei der sieben gelten als benutzbar. Thomas versprach zuerst «100 % Parität innert eines Monats», nach Kritik auf Hacker News wurden daraus «Monate, nicht Jahre». Die eigene Einschätzung des Projekts liegt bei PhotoCraft bei rund 45 % Tauglichkeit als professioneller Ersatz. In einem Vergleichstest lieferten nur 5 von 30 Filtern dasselbe Resultat wie Photoshop. Plugins von Drittanbietern laufen nicht, Premiere-Projekte lassen sich nicht importieren. Und ob die Nachbauten rechtlich halten, ist offen: Der Code mag neu geschrieben sein, aber Adobe hält Tausende Patente, und das Nachbilden von Look and Feel birgt eigene Risiken. Adobe selbst hat sich bisher nicht öffentlich geäussert.

Kurz: Die ersten 80 % sind erstaunlich schnell entstanden. Die letzten 20 %, also Farbtreue, Dateikompatibilität, Stabilität bei grossen Projekten, Plugins, sind genau das, wofür Profis bezahlen. Und dort steht ArtCraft noch am Anfang.

Kopieren ist leicht, wenn jemand anderes vorgedacht hat

Ein Punkt geht in der Diskussion oft unter: ArtCraft musste nicht herausfinden, was ein Bildbearbeitungsprogramm können soll. Die Antwort lag fertig auf dem Tisch. Photoshop 1.0 erschien im Februar 1990, als Schwarz-Weiss-Programm für den Mac. Was es heute ist, ist das Ergebnis von über drei Jahrzehnten Rückmeldungen von Fotografinnen, Grafikern und Druckereien, von unzähligen Versionen, verworfenen Ideen und behobenen Fehlern. Welche Werkzeuge es braucht, wo sie im Menü liegen, welche Tastenkürzel sich bewähren, wie Ebenen sich verhalten: All das hat Adobe über Jahre mit seinen Nutzern erarbeitet. Erste Tester von PhotoCraft berichten denn auch, dass Layout und Tastenkürzel stark an Photoshop erinnern.

Ein Klon übernimmt diese Entscheidungen einfach. Das ist legitim, aber es ist ein anderes Spiel, als ein neues Produkt zu erfinden. Die KI hat hier vor allem eine sehr detaillierte Vorlage abgeschrieben, nicht herausgefunden, was Nutzer wollen.

Aus unserer Sicht ist genau das die wichtige Unterscheidung: Das eigentliche Schreiben von Code ist deutlich günstiger geworden. Das heisst aber nicht, dass man jetzt einfach so gute Produkte günstig «coden» kann. Dazu gehört weiterhin alles drum herum: verstehen, welches Problem man überhaupt löst, mit echten Nutzern testen, Feedback einarbeiten, Fehler beheben, das Produkt über Jahre pflegen. Dieser Teil wird durch KI schneller, aber er verschwindet nicht.

Gratis-Photoshop gibt es seit 1996

Die freie Photoshop-Alternative GIMP gibt es seit 1996. Adobe hat trotzdem im Geschäftsjahr 2025 einen Rekordumsatz von 23,77 Milliarden Dollar gemeldet. Denn Unternehmen kaufen nicht nur Funktionen, sondern auch ein Dateiformat, das alle lesen können, Mitarbeitende, die das Programm schon beherrschen, Support und die Gewissheit, dass es das Tool in fünf Jahren noch gibt. Das steht nicht im Code. Wer Software verkauft, verkauft also schon lange nicht nur Software, und durch KI wird das nur sichtbarer.

Trotzdem ist es kein Sturm im Wasserglas

Es wäre zu einfach, ArtCraft als Spielerei abzutun. Die Börse sieht das Thema durchaus: Trotz Rekordzahlen verlor die Adobe-Aktie deutlich, weil Anleger befürchten, dass KI-gestützte Konkurrenz das Geschäft mit Software-Abos aushöhlt. Und Thomas selbst nennt als Motivation nicht die Technik, sondern Adobes Kündigungsgebühren, für die Adobe sich im März 2026 mit der US-Regierung auf einen Vergleich über 150 Millionen Dollar geeinigt hat, ohne Schuldeingeständnis.

Das zeigt, wo der Druck tatsächlich entsteht: Nicht weil über Nacht ein gleichwertiges Produkt auftaucht, sondern weil Kunden, die mit einem Anbieter unzufrieden sind, plötzlich günstige Ausweichmöglichkeiten bekommen. Ein Klon muss nicht perfekt sein, um für einen Teil der Nutzer gut genug zu sein. Für Hobby-Fotografinnen oder ein kleines Team, das ab und zu ein PDF bearbeitet, reichen vielleicht schon 70 %. Wer seine Kundschaft schlecht behandelt, ist damit verletzlicher geworden.

Spannender als die Kopie selbst finden wir allerdings ein Detail: PhotoCraft lässt sich auch ohne Benutzeroberfläche über die Kommandozeile steuern, laut ArtCraft ausdrücklich «für Skripte und Agenten». Damit kann ein KI-Agent die Bildbearbeitung direkt in einen Arbeitsablauf einbauen, etwa hunderte Produktbilder automatisch zuschneiden, korrigieren und exportieren. Adobe öffnet sich zwar ebenfalls für KI-Assistenten wie Claude oder ChatGPT, aber zu den eigenen Bedingungen: Der offizielle Zugang läuft über Adobes Cloud und deckt laut einer Übersicht eher den Funktionsumfang von Firefly und Express ab, nicht den vollen Photoshop. Hier könnte offene Software tatsächlich einen Vorsprung haben: nicht weil sie besser ist, sondern weil sie sich vollständig in die eigenen Abläufe integrieren lässt.

Was das für Unternehmen heisst

Für die meisten Betriebe ist die spannendere Frage nicht, ob sie Photoshop ersetzen sollen. Sondern: Was wird möglich, wenn das Schreiben von Code so viel günstiger ist?

Die naheliegende Antwort ist nicht der Klon eines Weltkonzerns, sondern das kleine, massgeschneiderte Werkzeug, das es bisher nicht gab, weil es sich nicht gelohnt hat. Das interne Tool, das Offerten aus drei Systemen zusammenzieht. Die Auswertung, die bisher jemand jeden Montag von Hand in Excel macht. Die Schnittstelle zwischen zwei Programmen, die nie miteinander sprechen wollten. Gerade dort, wo Standardsoftware nur 80 % abdeckt und der Rest mit Copy-Paste erledigt wird, liegt viel Produktivität brach.

Auch hier gilt aber: Für solche Werkzeuge gibt es keine fertige Vorlage, die man abschreiben kann. Der aufwendige Teil ist nicht der Code, sondern herauszufinden, wie im Betrieb wirklich gearbeitet wird, was die Leute brauchen und ob das Werkzeug im Alltag tatsächlich hilft. Bei Optimai unterstützen wir Unternehmen unter anderem dabei, solche Stellen zu finden und passende Lösungen zu bauen.

Das betrifft übrigens auch uns und alle, die selbst Software oder digitale Dienstleistungen anbieten. Funktionen lassen sich heute schneller nachbauen als früher. Was bleibt, ist das, was man über Jahre aufbaut: das Wissen über eine Branche, die Beziehung zu den Kunden und dass man da ist, wenn etwas schiefgeht.

Fazit

ArtCraft beweist nicht, dass Software vorbei ist. Es beweist, dass das Schreiben von Code kein Engpass mehr ist, vor allem dann, wenn jemand anderes jahrzehntelang vorgedacht hat. Das ist eine echte Verschiebung. Ein gutes Produkt entsteht aber weiterhin aus allem drum herum: aus Nutzerfeedback, Erfahrung, Pflege und Vertrauen. Und für alle, die schon länger Software verkaufen, ist das keine neue Erkenntnis: Gewonnen hat selten das Programm mit den meisten Funktionen, sondern das, dem die Kundschaft vertraut. Neu ist, dass sich jetzt auch kleinere Unternehmen eigene Werkzeuge leisten können, die früher nur Grosskonzerne hatten. Darin liegt aus unserer Sicht die eigentliche Chance.

Geschrieben von
Raffaele De Giovanni
Product & Technology

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